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Aktuelles (Pressemitteilungen)

Neues Therapiekonzept für junge Erwachsene

01.02.2018

Die Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Bad Emstal bietet seit Frühjahr 2017 jungen suchtkranken Rechtsbrechern eine spezielle Behandlung, die auf den Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen zugeschnitten ist. Auf der Station für junge Erwachsene mit zwölf Plätzen werden suchtkranke Patienten zwischen dem 18. bis 24. Lebensjahr aus ganz Hessen behandelt.

Das Pilotprojekt wird im Auftrag des Hessischen Sozialministeriums durchgeführt und ist zunächst auf vier Jahre befristet. Die Gruppe der jungen Erwachsenen hat im Vergleich zu älteren Patienten andere Behandlungsbedürfnisse – ein Schwerpunkt liegt hier z. B. in der schulischen und beruflichen Förderung, die in dem Behandlungskonzept einen besonderen Stellenwert einnimmt.

Therapieziel

Ziel des Pilotprojektes ist es, dass weniger Teilnehmer die Therapie abbrechen und dass mehr Patienten eine Schul- oder Berufsausbildung beginnen, die sie später im offenen Vollzug weiterführen und abschließen können.

„Der Übergang von der Jugend zum Erwachsenenleben, in der Fachsprache als „Transition“ bezeichnet, ist in allen Bereichen der Psychiatrie wichtig. Es gilt, durch eine angemessene Behandlung die Chronifizierung von Störungen zu verhindern. Im Bereich der Behandlung von Rechtsbrechern trifft dies ganz besonders zu. Ziel der Behandlung ist es, die kriminelle Entwicklung zu unterbrechen und die Patienten in die Gesellschaft zu integrieren“, erläutert Birgit von Hecker, Ärztliche Direktorin der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Bad Emstal.

In zwei Wohngemeinschaften (WG) werden die zwölf jungen Männer, die aufgrund ihrer Sucht eine Straftat begangen haben, auf ihr Leben in Freiheit vorbereitet. Dort sind die jungen Erwachsenen - ohne ältere Mitpatienten - unter sich. Dafür sind Mitarbeiter des Pflege- und Erziehungsdienstes präsenter in der Gruppe- auch abends und nachts. Das hat den Vorteil, dass auch spät noch jemand für sie ansprechbar ist, dass es gemeinsame Spiele- oder TV-Abende oder Sportaktivitäten gibt.

Weiterhin gehört zum milieutherapeutischen Prinzip, dass die Bewohner sich selbst versorgen, kochen, Wäsche waschen und die WG in Ordnung halten. So üben sie Leben in der Gemeinschaft, ähnlich wie in der Familie. Gleichzeitig erfordert das Leben in der Gruppe, dass die Patienten in der Therapie Erlerntes, z. B. Konfliktlösestrategien, auch im Alltag einsetzen. Die Mitarbeiter ersetzen nicht die Eltern, aber sie zeigen, dass Vertrauenspersonen verlässlich sind, aber auch Grenzen ziehen.

Die Therapeuten arbeiten mit den jungen Erwachsenen an den Faktoren, die zur Delinquenz geführt haben. Dabei werden sowohl die biografische Entwicklung, als auch die Entwicklung der Suchterkrankung in den Fokus genommen. 14 Mitarbeiter aus dem Pflege- und Erziehungsdienst, die Stationstherapeuten (eine Sozialarbeiterin mit suchttherapeutischer Ausbildung und eine Psychologin) und die Leitende Ärztin der Abteilung kümmern sich um die Patienten.

Therapie, Schule und Ausbildung

Für jeden Einzelnen gibt es einen Therapieplan, in dem die Behandlungsziele und –maß­nahmen festgelegt werden. Es werden verschiedene, auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmte, Therapiemaßnahmen angeboten: Neben der Einzel- und Gruppenpsychotherapie werden auch delikt- oder störungsspezifische Therapien angeboten, die dazu führen sollen, dass die Patienten lernen, mit problematischen Situationen angemessen umzugehen. Hier geht es um Erhöhung der Frustrationstoleranz, verbesserte Anstrengungsbereitschaft, Durchhaltevermögen, Konfliktlösefähigkeiten und Gewaltverzicht.

Schule und Ausbildung haben einen hohen Stellenwert. In einem kleinen Klassenraum gibt es Förderunterricht in Deutsch, Mathematik und Englisch. Wer möchte, kann seinen Schulabschluss per Fernunterricht bei einem externen Anbieter nachholen.

In der Arbeitstherapie gibt es Module für Holzbearbeitung, Malerarbeiten und Systemgastronomie. Weiterhin werden Praktika intern – später im offenen Vollzug auch extern - angeboten. Beide Tätigkeiten sind als Trainingsmöglichkeit zum Einstieg ins Berufsleben geeignet.

Angehörigenarbeit

Die Einbindung von Angehörigen ist für den Therapieverlauf unverzichtbar. Dies kann allerdings nur geschehen, wenn der junge Patient damit einverstanden ist. Im Verlauf der Behandlung kommt es zu einem regelmäßigen Informationsaustausch zwischen Behandlern und Angehörigen. Einmal im Jahr findet ein Angehörigentag statt, bei dem die Angehörigen sich in Gruppen austauschen können und die Gelegenheit haben, therapeutische Bereiche der Klinik, die sonst Besuchern nicht zugänglich sind, zu besichtigen.

 

Hintergrundinformation

Vitos Kurhessen bietet Hilfen für psychisch kranke Erwachsene, Kinder und Jugendliche. Mit rund 1.100 Mitarbeitern, über 820 Betten und Plätzen ist Vitos Kurhessen in der Region an neun Standorten mit Ambulanzen, Tageskliniken und stationären Einrichtungen präsent.

Die Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Bad Emstal ist eine Einrichtung von Vitos Kurhessen.

Hintergrund zum Maßregelvollzug

In Hessen sind die Vitos Kliniken für forensische Psychiatrie mit dem Maßregelvollzug beauftragt.

§ 63 StGB: Menschen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung, einer geistigen Behinderung oder einer Persönlichkeitsstörung eine Straftat begangen haben, werden von einem Gutachter dahin gehend untersucht, ob sie zum Tatzeitpunkt nicht oder nur vermindert schuldfähig waren. Wenn das der Fall ist, und wenn aufgrund der Erkrankung weitere erhebliche Straftaten zu erwarten sind, weist sie das Gericht in eine Klinik für forensische Psychiatrie ein. Hier wird ihre Erkrankung ärztlich behandelt und eine sichere Unterbringung gewährleistet.

§ 64 StGB: Suchtkranke Menschen, die straffällig geworden sind und bei denen wegen ihrer Suchterkrankung erheblich Wiederholungstaten zu erwarten sind, werden in forensischen Kliniken für Suchtkranke eingewiesen. Voraussetzung ist die nötige Erfolgsaussicht der Suchttherapie. Die Behandlung suchtkranker Rechtsbrecher erfolgt in Hessen in den forensischen Klinken Hadamar und Bad Emstal. Bad Emstal versorgt schwerpunktmäßig Patienten aus den Landgerichtsbezirken Kassel, Marburg und Fulda. In Bad Emstal werden ausschließlich Männer behandelt. Fotonachweis: LWV/Rolf K. Wegst